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Vorwort
Das Jahr 2006 war vor allem geprägt durch intensives, weitgehend ungestörtes Arbeiten mit unseren Klientinnen und Klienten. Es gab nämlich, mit einer Ausnahme, keine wesentlichen verwaltungstechnischen bzw. organisatorischen Veränderungen. Die erwähnte Ausnahme betrifft die durchaus erfreuliche Tatsache, dass die Außenstelle Lienz schöne neue Räume im Dolomitencenter, einem zentral gelegenen Büro- und Geschäftshaus, beziehen konnte. Ein neuer fachlicher Mitarbeiter und eine neue Sekretärin in der Zentrale in Innsbruck, die ausgeschiedene MitarbeiterInnen ersetzten, fanden sich rasch gut zurecht. Danken möchte ich Herrn Dr. Gebhard Baldauf. Er war viele Jahre Obmann des früheren Trägervereins des Kinderschutzzentrums Lienz. Im Jahr 2005 hat unser Verein auf Wunsch von Dr. Baldauf und seinen VorstandskollegInnen die Einrichtung in Lienz übernommen. Um einen harmonischen Übergang zu sichern, war Dr. Baldauf bereit, noch ein Jahr in unserem Vorstand mitzuwirken. Heuer beendete Dr. Baldauf endgültig seine verdienstvolle Tätigkeit im Kinderschutz. Erfreulich ist, dass im Berichtsjahr die Außenstellen Imst und Lienz vom Bund als Familienberatungsstellen anerkannt wurden. Wenn man die kürzlich veröffentlichen Fallzahlen betreffend sexuellen Missbrauch von Minderjährigen im Jahr 2006 vergleicht, fällt auf, dass sich die Jugendämter mit wesentlich weniger KlientInnen befassten als unsere Einrichtungen. Das belegt die Notwendigkeit privater Kinderschutzeinrichtungen neben den amtlichen Stellen. Dass das Jahr 2006 erfolgreich, das heißt, für viele KlientInnen hilfreich verlaufen ist, beruht auf der guten Arbeit und Zusammenarbeit der Mitglieder des Teams und des Vorstandes. Ihnen allen, sowie unseren Rechnungsprüfern danke ich herzlich. Dr. Manfred Weber Obmann
Vorstand und MitarbeiterInnen 2006
Einrichtungen Kinderschutz Imst Kinderschutz Wörgl Kinderschutzzentrum Lienz
Magª Monika Frenes Magª Martina Schönegger-Klingseis Dipl. Soz. Gertraud Walder Mag. Martin Schölzhorn Werner Höllrigl Magª Anne Lintner Magª Rita Posch Magª Verena Heiß Magª Julia Millonig Werner Schlatter Magª Sonja Leiter MMaga Martina Gsaller Dietmar Oberzaucher
zum Inhaltsverzeichnis
Einblicke in den Kinderschutz Tirol 20062006 starteten wir im Kinderschutz in Tirol die lang geplante Organisationsberatung und -entwicklung mit Unterstützung durch Frau Mag. Margit Kühne-Eisendle. Ziel dieser Arbeit ist es, unsere Strukturen, Tätigkeiten und Arbeitsbereiche zu reflektieren und schriftlich in ein Konzept zu fassen. Ein erstes Ergebnis, das Leitbild des Kinderschutzes in Tirol, ist auf Seite 12 und 13 zum Nachlesen abgedruckt. Vor dem Hintergrund der sich verändernden sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen und entsprechend den Bedürfnissen unserer KlientInnen hat sich auch die Kinderschutzarbeit weiterentwickelt. Neue Schwerpunktsetzungen in unseren Tätigkeitsbereichen wurden notwendig, andere stehen noch in der Planungsphase. Im Rahmen der Organisationsberatung werden diese Entwicklungen reflektiert und sinnvolle Rahmenbedingungen für eine Umsetzung überlegt. 2006 starteten wir nach einer längeren Pause wieder mit einer psychotherapeutischen Kindergruppe im Kinderschutzzentrum Innsbruck. Als überzeugter Psychodramatiker und Gruppenarbeiter habe ich gerne die Leitung dieser Gruppe übernommen. Es freut mich, dass die Gruppenarbeit weitergeführt wird und heuer, 2007 bereits zwei laufende Kindergruppen im Kinderschutzzentrum stattfinden. Unser Präventionsworkshop: “Soziales Lernen als Gewaltprävention” wird inzwischen ebenfalls regelmäßig in zahlreichen Schulklassen in ganz Tirol durchgeführt. 2006 arbeiteten wir schwerpunktmäßig mit VolksschülerInnen der 2 Klasse zu den Themen: Mädchen und Buben, Kinderrechte, mein Körper, angenehme und unangenehme Berührungen, gute und schlechte Geheimnisse und anderes mehr. Themen die in Bezug auf Gewalt gegen Kinder sehr wichtig sind und Kinder in ihrer Wahrnehmung und ihrem Selbstvertrauen stärken. Gleichzeitig lernen viele Kinder, Eltern und Lehrpersonen die MitarbeiterInnen des Kinderschutzes persönlich kennen und Wissen von den Angeboten des Kinderschutzes. Weiters wurden wir auch 2006 zu zahlreichen Vorträgen, Seminaren und Fortbildungen zum Thema Gewalt eingeladen und konnten so unsere Einrichtung der Öffentlichkeit vorstellen. Für mich sehr spannend und erfolgreich verliefen die Workshops mit StudentInnen der Pädagogischen Akademie. Über ein Fallbeispiel, unter Einbeziehung der dabei ausgelösten Emotionen bei den “Helfern” und unter Berücksichtigung der Psychodynamik gewaltbelasteter Kinder, wurden gemeinsam Handlungsmöglichkeiten für LehrerInnen erarbeitet. Noch zu erwähnen 2006 ist die Vorführung des Filmes “Festen” von Thomas Vinterberg im Leo Kino im Rahmen des Aktionstages der österreichischen Kinderschutzzentren. Dies vor allem deshalb, weil dieser Film zentrale Themen und Dynamiken von innerfamiliärer sexueller Gewalt emotional sehr beeindruckend darstellt.
NachrufDas Jahr 2006 ist überschattet vom Tod von Pia. Pia Jungwirth, eine Mitbegründerin des Kinderschutzzentrums Tangram, hat sich im April 2006 das Leben genommen. Durch sie bin ich 1994 zum Kinderschutz gekommen und die Begegnungen mit ihr waren wichtig für mich und viele, von ihr habe ich viel gelernt. Sie hat immer etwas mehr vom Leben erwartet und in den Beziehungen eingefordert. Die Begegnungen mit ihr waren intensiv und von einer großen Offenheit geprägt, von hoher Intellektualität, wohlwollender Unterstützung aber auch scharfer Kritik. Ihr hohes Maß an emotionaler Intelligenz lebte sie auch. Das war für viele eine Überforderung, zumal wenn sie ihre andere Seite, ihre große Menschenliebe, ihre Suche nach Gerechtigkeit und partnerschaftlicher Begegnung zuwenig gekannt haben. Gegen Machtmissbrauch und Gewalt hat sie im Kinderschutz mit großem persönlichem Einsatz und Energie vor allem in der Aufbauphase und der Erarbeitung von Prinzipien und Haltungen des Kinderschutzes gearbeitet. Ihre Dialogfähigkeit, ihr Humor, ihre Unnachgiebigkeit und Konfrontationsfähigkeit, wenn es um den Schutz und die Rechte von Kindern ging, sind wesentliche Grundhaltungen des Kinderschutzes, die Pia als Person vertreten hat. Wir haben mit ihr eine Kollegin verloren, die wir als wichtige Kämpferin für den Kinderschutz und gute Freundin in Erinnerung behalten werden.
Dr. Walter Gressenberger
2006 - Ausgewählte Daten im ÜberblickAnzahl der KlientInnen und Beratungen / Psychotherapien Die folgenden Zahlen beziehen sich auf die Kinderschutzeinrichtungen in Tirol, mit den Standorten Innsbruck, Wörgl, Imst und Lienz. 2006 suchten 363 Personen Hilfe und Unterstützung bei den Einrichtungen des Kinderschutzes. Davon waren 174 Kinder oder Jugendliche. Beratungs- oder Therapiestunden wurden 2.236 geleistet. Der Großteil dieser Stunden sind Beratungen oder Psychotherapien mit von Gewalt betroffenen Kinder oder Jugendlichen, die über längere Zeiträume regelmäßig in die Beratungsstellen kommen. Gewalt gegen Kinder im familiären Kontext erfordert intensive Beratungstätigkeiten mit den Betroffenen und ihrem familiären und sozialen Umfeld. Zusätzlich wird mit dem Helfersystem in regelmäßigen Helferkonferenzen kooperiert. Nur so kann auch längerfristig Schutz und Hilfe für die von Gewalt betroffenen Kinder und Unterstützung der Eltern/Erziehungsberechtigten gewährleistet werden. Dazu gehört auch die Arbeit mit der Gewalt ausübenden Person innerhalb einer Familie.
Anzahl der KlientInnen: 363
Demographische Verteilung der
|
Beratungsinhalt |
Anzahl der Beratungen |
Sexuelle Gewalt gegen Kinder/ |
|
Psychische Gewalt |
116 |
Misshandlung |
98 |
Psychische Störungen |
81 |
Probleme im Familiensystem/Scheidung/Trennung |
|
Psychosomatische Störungen |
38 |
Täterarbeit |
23 |
Erläuternd soll erwähnt werden, dass wir uns für ein Hauptproblem entscheiden, weshalb Kinder/Jugendliche zu uns kommen. Meist sind Kinder von mehreren Gewaltformen betroffen. Sexuelle Gewalt hat auch immer etwas mit Zwang und psychischer Gewalt im Sinne eines Machtmissbrauchs zu tun.
Wer stellt den Kontakt zum Kinderschutz her?
Wichtig für uns ist, wie KlientInnen zu uns kommen. Mit “KlientInnen selbst” und “Erziehungsberechtigte” ist hier gemeint, dass sich Eltern und Familien, manchmal auch Jugendliche, von sich aus bei uns melden. Die KlientInnen, die aus eigener Initiative ins Kinderschutzzentrum kamen, kannten die Einrichtung aus Medienberichten, unserer Öffentlichkeitsarbeit oder erfuhren von uns über Bekannte und FreundInnen.
Im Detail sieht die Verteilung 2006 so aus:
Innsbruck, Wörgl, Imst, Lienz

Innsbruck, Wörgl, Imst, Lienz
Kontakt durch die Familie/KlientIn selbst und durch das private Umfeld |
Anzahl |
|
Kontakt durch Professionelle |
Anzahl |
|
KlientInnen selbst |
63 |
|
Andere sonstige Professionelle |
53 |
|
Erziehungsberechtigte |
62 |
|
BH / Jugendwohlfahrt |
53 |
|
NachbarInnen |
3 |
|
Stationäre Einrichtungen |
34 |
|
Verwandte |
9 |
|
ÄrztInnen |
6 |
|
|
Schule |
4 |
|||
Summe |
137 |
|
Klinik/Krankenhaus |
13 |
|
|
|
Schulpsychologie |
0 |
||
|
|
Kindergarten |
1 |
||
|
Gericht |
3 |
|||
Ohne Angaben-Summe |
59 |
Summe |
167 |
||
Gesamtsumme |
363 |
Kinderschutzzentrum Innsbruck,
Kinderschutz Imst, Wörgl und Lienz
Als Kompetenzzentren bei sexueller, körperlicher und seelischer Gewalt an Kindern oder Jugendlichen können wir mittels gezielter Interventionen Gewalt gegen Kinder stoppen und umfassende Hilfsangebote bereitstellen. Wir verstehen Gewalt primär als Beziehungsproblem und arbeiten deshalb als Team mit den Opfern, ihren Familien und dem gesamten Bezugssystem. Bei innerfamiliärer Gewalt beziehen wir die Gewalt ausübende Person in die Beratung mit ein.
Unsere Leitgedanken
Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen die Bedürfnisse und der Schutz des Kindes oder Jugendlichen. Unsere wertschätzende und respektvolle Grundhaltung den KlientInnen gegenüber erleichtert es den Betroffenen, unsere Angebote in Anspruch zu nehmen. Für uns gelten die Grundsätze der Vertraulichkeit und Anonymität, der Hilfe statt Strafe und der Hilfe zur Selbsthilfe. Wir orientieren uns an Ressourcen der Familie und den Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder und Jugendlichen. Um Hilfesuchenden, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, den Zugang in den Kinderschutz zu ermöglichen, sind unsere Angebote kostenlos. Öffentlichkeitsarbeit und Präventions-projekte sollen die Bevölkerung sensibilisieren und Kinder in ihrer Wahrnehmung und ihrem Selbstvertrauen stärken. Gewalt gegen Kinder kann aus unserer Sicht nur im Kontext psychischer, sozialer, ökonomischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge verstanden werden. Daher sind, über die Einzelfallarbeit hinaus, Auseinandersetzungen mit gewaltfördernden Umständen und Möglichkeiten der Veränderung auf sozialer und gesellschaftspolitischer Ebene Arbeitsbereiche des Kinderschutzes.
Vernetzung und Kooperation
Aufgrund der Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit von Kindern kann es bei Gefährdung notwendig werden, die Position der Beratung zu verlassen und aktiv Schritte zum Kinderschutz einzuleiten. In Zusammenarbeit mit der Jugendwohlfahrt und anderen involvierten Kooperationspartnern entwickeln wir einen Hilfeplan und schaffen Schutz und sichere Rahmenbedingungen für eine gesunde Entwicklung der Kinder.
Unsere Angebote
- Einzelberatungen, Paar- und/oder Familiengespräche, Beratung Professioneller
- Psychotherapie, speziell für traumatisierte Kinder und Jugendliche
- Psychotherapeutische Kindergruppen
- Prozessbegleitung
- Präventionsprojekte an Schulen und im Freizeitbereich
- Schulungen und Seminare zum Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche
Die Organisation
Der private Verein: “Kinderschutz Tirol” ist Träger der Kinderschutzeinrichtungen in Innsbruck, Imst, Wörgl und Lienz. Wir sind als freie Einrichtungen der Tiroler Jugendwohlfahrt und als Familienberatungsstellen des Bundes anerkannt. Als lernende Organisation setzen sich unsere vielfach qualifizierten MitarbeiterInnen mit den Bedingungen von Gewalt und den Möglichkeiten ihrer Behandlung und Prävention laufend auseinander. Forschungsprojekte, Fortbildungen und fachspezifische Vernetzungstreffen führen zur Weiterentwicklung unseres Konzeptes, der Arbeitsansätze und unserer Angebote.
Der Kinderschutz Tirol wird gefördert von:
Bundesministerium für
Gesundheit, Familien und Jugend
Vielen Dank den privaten SpenderInnen: